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Auf dem Weg

Aktualisiert: 17. Okt 2019

Ich wandere eine stillgelegte Bahnstrecke entlang. Fühle mich wie ein Hobo, das habe ich als Kind mit meinem Onkel gespielt.

Es funktioniert nicht, die Schwellen sind ganz dicht beieinander und man muss ganz kleine Schritte machen.

Das Ökodorf "Sieben Linden" wurde mir empfohlen, da bräuchte ich nicht vorher anzurufen, denn da wohnen 140 Leute und ich könne einfach hingehen. Als ich dort ankomme gibt es eine Rezeption und alle Gästebetten sind ausgebucht, denn es findet ein Tanzworkshop statt. Mir wird klar, das Wochenende ist, Freitag Abend. Ich könne mir aber gerne das Dorf ansehen und Leute ansprechen. Übernachten ginge allerdings nicht.

Ich kämpfe mit aufsteigender Wut und Verzweiflung, ausgerechnet hier gar keine Unterstützung zu finden und das weitab von jeglicher Zivilisation mit Pensionen und Bussen und dergleichen. Wahrscheinlich haben die hier halt keine Lust dass jeden Tag 50 mittellose Hippies auf der Suche nach sich im Garten stehen und irgendwo pennen wollen. Kann man auch verstehen.

So beschließe ich, weiterzuziehen und weiß überhaupt nicht wohin, diese Ungewissheit habe ich ja gesucht, oder nicht? Jetzt fühlt sie sich gar nicht mehr gut an und ich habe Angst vor der kommenden kalten Nacht.


Direkt vor dem Gelände nehmen mich Tatjana und Andreas im Auto mit. Sie fahren Richtung Magdeburg, und als ich sage dann fahr ich bis dahin mit, habe ich den Eindruck sie gucken komisch. Später sagen sie: "Hier finden wir überhaupt nichts mehr komisch." Sie lachen.

Als ich erzähle was ich mache habe ich zuerst den Eindruck, sie haben keine Lust mehr auf solche Fragen, aber Andreas beginnt dann doch mit viel Energie zu reden. Ich weiß nicht mehr so genau, wer von den Beiden was gesagt hat, hier kommt jetzt also eine gemischtes Statement:

"Frieden ist eine Illusion. Zumindest die Art von Frieden, den sich viele vorstellen. Viele wollen Frieden für die Welt, ohne sich klarzumachen: was bedeutet das überhaupt. Leben und Sterben ist ein natürlicher Prozess. Ich will auch nicht alle lieb haben. Es gibt Leute, mit denen ich energetisch nicht kann. Deshalb gehe ich lieber da hin, wo ich Menschen habe, mit denen es mir gut geht.

In der Natur gibt es Zeiten, in denen ist es friedlich, und Zeiten in denen geht es um Leben und Tod. Das Leben ist nicht immer schön.

Für mich ist Frieden erreichbar, wenn ich bereit bin, mein Leben für das aufs Spiel zu setzen, woran ich glaube.

Für den Kampf gegen den Klimawandel sehe ich zwei Varianten:

So wie die Lage grade ist, wird es friedlich nur funktionieren, wenn alle Arbeitenden aufstehen und aufhören zu machen, was vorgegeben wird. Wenn sie aufhören zu arbeiten, die Benutzung von Geld ablehnen. Wir entscheiden selber.

Andernfalls geht es nicht friedlich. Ich habe keine Ahnung, an welchem Punkt die Erde steht, aber es ist anscheinend schon dramatisch. Fackel, Mistgabel, Hacke und Beil! Revolution!

Plakate hochhalten und schön reden hilft nicht mehr. Klar, ich bin selbst auch Konsument, aber die jetzt in der Regierung stehen machen nichts, also muss eine radikale Lösung her.

Was man selbst beitragen kann, muss jede*r aus der eigenen Lebensentwicklung heraus persönlich entscheiden. Zum Beispiel nicht mehr fliegen. Ich kann nur meine kleinen Entscheidungen für mich treffen, damit verändere ich natürlich nicht den Flugverkehr insgesamt. Aber es mein persönlicher kleiner Beitrag.

Die Gesellschaft ist im Moment so schwierig aufgebaut, dass ich nicht alles per Hand machen kann, was ich eigentlich von meinen Fähigkeiten als Handwerker her könnte. Der Ist-Zustand ist grade halt so.

Vielleicht braucht es den Lerneffekt für uns Menschen, das wir mal richtig auf die Fresse fallen. Ich kann nicht sagen, dass wir es falsch oder richtig machen. Viele Sachen, die bereits laufen, sind ausbaufähig, generell nehmen wir uns aber zu wenig Zeit, um eine Veränderung zu vollziehen."

Tatjana ist zuerst sehr zurückhalten, bis sie erklärt, dass sie es ein bisschen Leid ist, aufzuzählen wie viele tolle Sachen sie schon richtig macht. Andreas geht das auch so. Sie finden beide:

"Es kommt ein bisschen darauf an, wie die jeweiligen Bedürfnisse und Ideale gestrickt sind. Wir sind alle nicht perfekt. Es ist immer noch eine Position des Luxus, von dem aus wir argumentieren."

Wir reden noch die restliche Fahrt weiter, und ich bin nachdenklich nach dieser Begegnung. Ich gehe aber unverdrossen meinen Weg weiter.



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Anja Grosse / Nirmal Darshan Kaur, Repgowstieg 18, 22529 Hamburg

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